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                                      -Prolog-

                                    Vor einem Jahr

 

Seine Schritte hallten durch den langen, lichtdurchfluteten Korridor. An den weißen Wänden glitzerte der goldverzierte Stuck, begleitet von gold-marmorierten, massiven Halbsäulen.

   Als hätte man ihm einen Mantel aus Eisen auf die Schultern gelegt, schritt er mühsam voran, bis er schließlich das Ende des Korridors erreichte. Er seufzte frustriert und sein Blick schweifte über die massive, runde Mahagonitür. Auf beiden Seiten ragten weiße Säulen mit korinthischen Kapitellen bis zum Glasdach auf, wo sie mit den Arkaden verschmolzen.

   Mit einer Mischung aus Wut und Bitterkeit schaute er zum azurblauen Himmel hinauf.

   »Was hast du schon wieder angestellt?«

   Er zuckte zusammen, als eine tiefe Frauenstimme durch den langen Korridor echote. In seinem Kopf schrillten alle Alarmglocken.

   Er legte den Kopf schief und drehte sich zu der Stimme um.

   Ihre kastanienbraunen Haare waren geflochten und am Hinterkopf hochgesteckt, ein saphirblauer, seidener Peplos schmiegte sich an ihre kurvigen Hüften. Aus ihren grün-braunen Augen warf sie ihm einen verachtenden Blick zu.

   »Nichts, was dich interessieren muss. Sag, ist dein Mann schon

im Thronsaal?«, presste er hervor und verkniff sich dabei ein Grinsen.

   Ihre Miene wurde plötzlich kalt und ließ die Härchen in seinem Nacken aufrecht stehen.

   »Nenn ihn nicht so!«, spie sie.

   Mit einer Hand fuhr er sich durch die langen Haarsträhnen. Dann schritt er langsam auf sie zu.

   »Du musst dich schon genauer ausdrücken. Wie soll ich ihn nicht nennen? Deinen Mann? Nach meinem letzten Kenntnisstand ist das noch der Fall.«

   Sie lächelte bitter. »Spuck nur weiter große Töne. Dir wird das Lachen gleich vergehen.« Sie wandte sich von ihm ab und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. »Er ist ziemlich wütend. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken.« In ihrer melodischen Stimme lag eine unbändige Wut, die das Blut in seinen Adern gefrieren ließ.

   »Wenn du meinst.«

   Sie warf ihm einen angewiderten Blick zu und eilte den Korridor hinab.

   Er seufzte und wandte sich wieder der Mahagonitür zu, die noch größer und erschreckender wirkte als zuvor. Er ließ die Schultern ein paar Mal kreisen und fummelte an den Manschettenknöpfen an seinen Handgelenken herum.

   Dann reckte er stolz das Kinn und schnippte mit den Fingern, sodass sich die Tür von selbst öffnete. Die Scharniere quietschten unerträglich laut. Mit zerknirschtem Blick betrat er den Saal.

   Das würde kein friedliches Zusammenkommen werden. Ein bitterer Geschmack legte sich wie Asche auf seine Zunge. Wieder einmal verlangte man nach ihm wie nach einem räudigen Hund, den man an die Leine nehmen musste. Doch er war sich der Konsequenzen bewusst, wenn er nicht auftauchen würde.

   Neugierige und vorwurfsvolle Blicke richteten sich von allen Seiten auf ihn.

   Bei jedem seiner seltenen Besuche gab es einen neuen Vorwurf

gegen ihn. Die Eskapaden, die man ihm ständig vorwarf, waren nichts weiter als leere Behauptungen.

   Er war es bereits gewohnt, dass man ihm versuchte, einen Maulkorb

aufzusetzen, doch das machte die ganze Situation nicht weniger unerträglich.

   Die Männer und Frauen an den langen Tischen tuschelten und lachten, verstummten jedoch abrupt, als er ihnen einen strengen Blick zuwarf.

   »Er ist hier.«

   »Der Schatten ist hier.«

   »Der Unsichtbare.«

   »Mörder.«

   Mit Stolz und ohne einen Hauch seiner Nervosität zu offenbaren, schritt er durch den Saal. Sie waren nicht mehr als Schatten, die ihn fürchteten.

   Angst kannte er nicht. Warum sollte er auch vor etwas zurückschrecken, das er selbst verkörperte?

   Er ging bis zu dem roten Teppich am Kopfende des prunkvollen Saals. An den Wänden rechts und links ragten Halbsäulen aus Marmor zwischen den bodentiefen Rundbogenfenstern empor. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einer Grimasse, als er zu dem Deckengemälde und dem goldenen, diamantbesetzten Kronleuchter aufsah. Alles an diesem Ort war edel und lächerlich übertrieben mit Gold verziert, dass selbst der reichste Mann der Welt vor Neid erblassen würde. 

   Er presste die Lippen fest zusammen und blickte auf den Thron aus weißem Marmor mit goldenen Eichenblättern und einem eingemeißelten Adler am Kopf des luxuriösen Herrschersessels.

   Ein Mann mit langem, blond-braunem Vollbart saß darauf und begegnete seinem Blick.

   Er blieb am Fuß des Podests stehen und wartete darauf, dass der andere Mann den ersten Schritt machte.

   »Ich habe schon auf dich gewartet. Warum hat das so lange gedauert?«

   Er schnaubte verächtlich. »Ich habe eine Münze geworfen, um zu entscheiden, ob ich kommen soll oder nicht.«

   »Ein Sturkopf wie eh und je, hm?« Der Mann beugte sich vor. »Ich bin heute nicht in bester Laune. Du solltest mich besser nicht reizen.«

   Genervt verdrehte er die Augen. »Dann komm zum Punkt. Ich habe noch wichtigere Dinge zu tun.«

   Ein verschmitztes Grinsen trat in das Gesicht des Mannes. »Du suchst dir eine Frau nach der anderen zum Ficken und nennst das wichtig?«

   Rohe Wut bahnte sich brennend seinen Weg durch seinen Körper und er atmete tief durch. Schon zu lange hatte er sich nicht mehr mit einer Frau vergnügt. Er war zu beschäftigt und mit der Zeit erschien ihm Sex wie ein bedeutungsloser Akt. Und eine passende Frau hatte er dafür auch nicht gefunden. Doch das ging niemanden etwas an und am wenigsten hatte er das Recht, ihn dafür zu verurteilen.

   »Was willst du?«, knurrte er, in seiner Stimme schwang ein kalter Unterton mit.

   »Mir ist zu Ohren gekommen, dass du dich mal wieder in Angelegenheiten eingemischt hast, die nicht in deinen Aufgabenbereich fallen.«

   »Und was, wenn dem so wäre? Es geht dich einen Scheißdreck an, was ich tue.«

   Die Mundwinkel des Mannes zuckten. »Es geht mich sehr wohl etwas an. Ich habe dich beim letzten Mal gewarnt.«

   Er zuckte mit den Schultern. »Muss ich überhört haben … Oh, nein. Stimmt nicht. Ich habe deine Drohung gehört. Sie interessiert mich einfach nicht.«

   Der Mann lehnte sich zurück und musterte ihn mit einem selbstgefälligen Grinsen.

   »Mir scheint, dass du es einfach nicht begreifen willst.« Er kratzte sich an seinem Vollbart. »Vielleicht sollte ich dich einfach wieder in den Ring schicken. Dabei hatte ich eigentlich gedacht, dass dir das letzte Mal eine Lehre gewesen wäre.«

   »Fick dich! Ich diene nicht deiner Unterhaltung!«

   Der Mann lachte laut auf. »Und doch forderst du es immer wieder heraus.«

   »Wir können das gerne auch anders klären, wenn du den Mut dazu hast!«

   Mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung sah der Mann auf ihn herab. »Interessant. Was schlägst du vor?«

   »Es steht dir jederzeit frei, mich zu besuchen und dann klären wir das gerne. Ich kann es kaum erwarten dir zu demonstrieren, wie wir die Dinge bei mir regeln.«

   »Soll das eine Einladung sein?«

   Er zuckte mit den Schultern. »Nenn es wie du willst.«

   Der Mann rollte mit den Augen. »Na schön. Ich nehme deine Einladung an … irgendwann.«

   »Irgendwann? Hast du Angst?« Das hämische Grinsen seines Gegenübers gefiel ihm nicht.

   »Wo bliebe denn da der Spaß, wenn ich meinen Besuch vorher ankündigen würde? Nein. Ich will dich dann erwischen, wenn du es am wenigsten erwartest, damit ich die größte Freude daran haben kann, dich zu zerstören.«

   »Versuche es ruhig. Ich bin immer vorbereitet«, zischte er und legte eine Hand auf seine Brust – direkt über seinem Herzen. »Es gibt nichts, was du mir noch nehmen könntest. Du hast mir schon alles genommen.«

   Der Mann schüttelte den Kopf und winkte einen jungen Burschen mit goldblonden Locken zu sich. Der trat auf sie zu, die Arme vor der Brust verschränkt. »Was?«

   »Sei so gut und halte unsere kleine Vereinbarung auf Papier fest.«

   »Wozu brauchst du mich dafür? Das kannst du auch alleine.«

   »Dafür habe ich dich. Also mach dich nützlich, Psychopompos.«

   Mit zusammengepressten Lippen wandte der junge Mann ihm den Blick zu. Er schnippte mit den Fingern, woraufhin eine braune Pergamentrolle in seinen Händen erschien.

   »Unterschreibt beide und besiegelt den Vertrag mit eurem Blut. Bis zur Erfüllung bewahre ich ihn dann auf«, sagte der junge Mann und hielt ihm einen kleinen Dolch entgegen.

   Er seufzte und setzte seine Unterschrift auf das Papier. Dann nahm er den Dolch entgegen und pikste sich in die Daumenkuppe, bis ein kleiner Tropfen Blut hervortrat und drückte ihn auf seine Unterschrift. Dann wandte er den Blick dem Mann mit dem blond-braunen Vollbart zu, der als nächstes unterschrieb.

   Er fuhr sich mit einer Hand durch sein schwarzes Haar und kräuselte die Lippen.

   »Kann ich jetzt gehen? Ich habe noch einiges zu tun.«

   Der Mann grinste breit und winkte ab. »Jaja verschwinde.«

   Kopfschüttelnd ging er zur Tür.

   »Oh, und halte dich in Zukunft zurück. Sonst wird es beim nächsten Mal Konsequenzen geben.«

   Über die Schulter hinweg schenkte er dem Mann ein schelmisches Grinsen und streckte ihm den Mittelfinger entgegen.

   Ein tiefes Lachen hallte durch den Saal, als er diesen verließ und den Korridor durchquerte.

   Plötzlich erschien der junge Mann neben ihm und warf ihm einen missbilligenden Blick von der Seite zu. »Ich hoffe, du weißt, was du da tust.«

   »Hast du nichts Besseres zu tun, Psychopompos?« Er seufzte. »Er schwingt nur große Reden.«

   »Ich hoffe, du hast recht. Er kann jederzeit unangekündigt bei dir

auf der Matte stehen. Stört dich das denn gar nicht?«

   »Nein, kein bisschen. Soll er ruhig kommen.«

   »Warum beunruhigt dich das denn nicht?«

   Er blieb stehen, sein Blick wanderte zu den lichtdurchfluteten Fenstern. »Weil es nichts mehr gibt, was er mir noch nehmen könnte. Er hat mir schon alles genommen, was mir je wichtig war.«

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